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PETRUS: Es ist mir nicht ganz klar, was das bedeutet: »Er wohnte in sich selbst.«

GREGOR: Hätte der heilige Mann die Brüder, die sich einmütig gegen ihn verschworen hatten und deren Lebensweise sich von der seinen sehr unterschied, lange unter Zwang führen wollen, so hätte er vielleicht seine Kräfte überfordert, die innere Ruhe verloren und das Auge seines Geistes vom Licht der inneren Schau abgewandt. Wenn er, Tag für Tag von ihrer Unverbesserlichkeit ermüdet, weniger auf sich selbst geachtet hätte, dann hätte er vielleicht sich selbst verloren, ohne die anderen zu finden.

Sooft wir nämlich durch die Unruhe der Gedanken zu sehr aus uns herausgeführt werden, sind wir zwar noch wir selbst, aber nicht mehr in uns selbst; denn wir verlieren uns selbst aus dem Blick und schweifen anderswo umher.

(II,3,6) Können wir sagen, dass jener junge Mann in sich war, der in ein fernes Land zog, das erhaltene Erbteil verschwendete, sich dort einem Bürger aufdrängte und die Schweine hütete? Er musste zusehen, wie die Schweine Schoten fraßen, während er hungerte [vgl. Lk 15,11-16].  Da erinnerte er sich an das Gut, das er verloren hatte, wie es in der Schrift heißt: »Er kehrte in sich selbst zurück und sagte: Wie viele Tagelöhner haben im Haus meines Vaters Brot im Überfluss« [vgl. Lk 15,17]. Wenn er also in sich gewesen wäre, woher ist er dann zu sich zurückgekehrt?

(II,3,7) Darum also wollte ich sagen: Der heilige Mann wohnte in sich Selbst, weil er stets wachsam auf sich achtete, sich immer unter den Augen des Schöpfers sah, sich allezeit prüfte und das Auge des Geistes nicht außerhalb seiner selbst umherschweifen ließ.

(II,3,8) PETRUS: Was bedeutet es, was über den Apostel Petrus geschrieben steht, als er von einem Engel aus dem Kerker herausgeführt wurde: »Da kehrte er zu sich selbst zurück und sagte: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt hat, um mich der Hand des Herodes und aller Erwartung des Volkes der Juden zu entreißen«  [Apg 12,11].

(II,3,9) GREGOR: Auf zweifache Weise, Petrus, werden wir aus uns herausgeführt; entweder sinken wir durch schlechte Gedanken unter uns hinab, oder wir werden durch die Gnade der inneren Schau über uns hinausgehoben.

Jener, der die Schweine hütete, war durch das Umherschweifen und die Unreinheit des Geistes unter sich hinabgesunken; dieser aber, den der Engel befreite und dessen Geist er in Verzückung versetzte, war zwar außer sich, wurde aber doch über sich erhoben. Beide kehrten zu sich zurück, jener, indem er sich aus seinen Verirrungen wieder dem Herzen zuwandte, dieser, indem er vom Gipfel der inneren Schau zur früheren, alltäglichen Erkenntnisweise zurückkehrte.

(II,3,10) PETRUS: Was du sagst, leuchtet mir ein; aber bitte antworte mir: Durfte er die Brüder verlassen, deren Leitung er einmal übernommen hatte?

GREGOR: Meiner Meinung nach, Petrus, muss man die Gemeinschaft schlechter Menschen gelassen ertragen, wenn sich einige gute finden, denen man helfen kann. Wo es aber überhaupt keine Guten gibt, die Frucht bringen, wird auch die Mühe um die Schlechten irgendwann überflüssig, vor allem dann, wenn es in der Nähe Voraussetzungen gibt, die bessere Frucht für Gott versprechen. Um wen hätte sich also der heilige Mann, wenn er ausgeharrt hätte, kümmern sollen, da ihn doch alle einmütig verfolgten?

Der heilige Benedikt wohnte also in sich Selbst, soweit er über seine Gedanken wachte. jedes Mal aber, wenn die Glut der Kontemplation ihn in die Höhe fortriss, ließ er sich ohne Zweifel unter sich zurück.

(II,3,11) Bei vollkommenen Menschen reift oft der Entschluss - das sollte man nicht verschweigen -, an einem anderen Ort mit Aussicht auf Erfolg an die Arbeit zu gehen, wenn sie die Erfolglosigkeit ihrer Mühe erkennen. So sehnte sich auch Paulus, der große Verkünder des Helles, danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein; denn Christus war ihm Leben und Sterben Gewinn. [Phil 1,23.21] Er verlangte nicht nur selbst nach Kämpfen und Leiden, sondern begeisterte auch andere, sie geduldig zu ertragen. Dennoch beschaffte er sich bei der Verfolgung in Damaskus Seil und Korb und wollte heimlich von der Mauer herabgelassen werden, sobald er aus der Stadt fliehen konnte [vgl. Apg 9,24-25; 2Kor 11,32-33]. Können wir nun sagen, Paulus habe sich vor dem Tod gefürchtet, den er doch, wie er selbst bezeugt, aus Liebe zu Jesus ersehnt hat? Nein, aber da er sah, dass er dort wenig Erfolg und viel Mühe haben werde, rettete er sein Leben, um an einem anderen Ort mit Erfolg zu arbeiten. Denn der tapfere Streiter Gottes wollte nicht hinter Mauern festgehalten werden, sondern suchte den Kampf auf freiem Feld.

(II,3,12) Wenn du aufmerksam zuhörst, wirst du bald verstehen, dass es sich so auch mit dem ehrwürdigen Benedikt verhalten hat. Er blieb am Leben und verließ die Unbelehrbaren, anderswo aber erweckte er viele vom geistigen Tod.

PETRUS: Deine Erklärung ist richtig. Das beweisen die klare Begründung und das treffende Zeugnis der Schrift. Aber ich bitte dich, erzähle, was im Leben des großen Abtes weiter geschehen ist.